Unsere Ernährung
ist eines der traurigsten Kapitel dieser Monate. Brot,
ledernes Rindfleisch in Büchsen, von unseren Soldaten
treffend als "Alter Mann" bezeichnet, oder
Ölsardinen und Trockengemüse, selten als Frischvitamin
eine Zitrone; Tag für Tag, Woche für Woche,
Monat für Monat dasselbe. Was würden wir geben,
um gelegentlich etwas Frischfleisch, Frischgemüse
oder Obst zu bekommen, von Eiern ganz zu schweigen!
Höchstens dass man einem Araber zu Schandpreisen
ein paar Zwiebeln oder eine Melone abhandeln kann. In
den Nachschublagern in Bengasi und Tripolis allerdings
lagern bessere Sachen, Spenden aus der Heimat in Form
von Büchsenobst, -schinken und anderen ungeahnten
Genüssen, ja sogar Sekt. Das wird jedoch für
bessere Zeiten aufgehoben, nämlich für den
späteren Vormarsch der Engländer. Da wurden
all diese traumhaften Sachen in die Luft gesprengt.
Hingegen wurde abtransportiert die "zuständige"
Verpflegung, also der "Alte Mann", die Ölsardinen
und das Trockengemüse. Überschrift: Die Intendantur!
Im Rahmen der Wunschkonzerte des Deutschen Rundfunks
wünschte sich ein Afrikasoldat, das Plätschern
einer Frau in einer Badewanne zu hören. Ihr lacht?
Der Wunsch wurde erfüllt. Für uns ist das
Problem Wasser eines der ernstesten, vom Problem Frau
ganz zu schweigen. Für Euch ist ein WC eine alltägliche
Notwendigkeit uns Selbstverständlichkeit, für
uns hier unten eine Fata Morgana. Wir gehen mit der
Schippe über die Schulter in die Wüste.
Aber ich will hier vom Trinkwasser sprechen. Das Wasser
aus Derna ist berühmt. Aber bis zu uns kommt es
nicht. Wir schöpfen aus kleinen, mühsam erbohrten
Brunnen, die in stundenweiten Abständen auseinander
liegen und nur salziges Brackwasser liefern. Abgefüllt
wird es in Einheitskanistern, die innen mit rotem Schutzanstrich
vom Rost zerfressen sind und das, was wir in abgekochten
Zustand trinken dürfen, ist eine rotbraune, salzige,
warme Brühe. Viel Durst bekommt man darauf nicht,
das ist das Gute daran.
Nicht zuletzt diese Vergewaltigungen unserer Organismen
sind die Ursache eines zeitweise katastrophalen Gesundheitszustandes.
Manchmal leiden wir bis zu 60 Prozent gleichzeitig an
ruhrartigen Durchfallerkrankungen. Es bleibt niemand
davon verschont. Man weiß dabei nicht recht, ob
man leben oder sterben möchte. Wenn man über
70 mal am Tag in die Kniebeuge gehen muss, dann weiß
man, was man getan hat. Auch Erkältungen mögen
häufig die Ursache dieser Durchfälle sein,
da sich hier alle Erkältungen auf Darm und Magen
schlagen. Die täglichen Abgänge zu Sanitätseinheiten
bringen einen Kompaniechef betreffs der Einsatzbereitschaft
oft in arge Bedrängnis.
Sicher stehen Euren geistigen Augen im Zusammenhang
mit dem Wort Afrika gleich uns - vor unserer Ernüchterung
- die Bilder aller möglichen wilden Tiere. Ja,
damit können wir aufwarten. Ich nannte sie schon
unter jedem Soldaten Rommels bleibenden Erinnerungen:
Fliegen! Hunderte, Tausende, ja Billionen und Aberbillionen
von Fliegen. Will etwa jemand behaupten, das seien keine
wilden Tiere? Kommt her und laßt Euch von ihnen
peinigen, dann werdet auch ihr feststellen, dass sie
das Wildeste sind, was in Gottes Tierreich lebt, und
Ihr werdet Euch selbst nicht wiedererkennen in Eurer
eigenen Wildheit durch sie. Oft möchte man verzweifeln
und kapitulieren, wenn man 500 totgeschlagen hat und
dafür von 1000 neuen umschwärmt wird. Aber
der Selbsterhaltungstrieb fordert ihre pausenlose Vernichtung.
Deshalb ist hier ein Soldat ohne Fliegenklatsche genauso
unddenkbar wie am Nordpol ein Forscher ohne Pelz. Auch
die anderen Tierchen hier wie Skorpione, Ratten, Feld-
und Springmäuse, Horn- und Sandvipern, ja sogar
Vogelspinnen tragen nicht zur Erheiterung der Gemüter
bei. Vor dem Schlafengehen heisst es jedesmal gründlich
das Zelt abzusuchen, und morgens findet man nicht selten
eines dieser Tierchen in seinen Stiefeln. Annehmbar,
dafür aber selten sind Wüstenhäschen
und Gazellen, damit ist dann aber auch alles genannt.
Ich will diese Kapitel nicht schließen, ohne ein
paar Worte über die technische Lage zu sagen.
Mangels ausreichender Erfahrungen waren unsere technischen
Vorbereitungen völlig unzureichend. Bald hinter
Agedabia, also schon nach wenigen Einsatztagen, begann
das große Panzersterben. Staub und Sand verschleißen
die Motoren in ungeahntem Ausmaß, das hiesige
Gelände ruiniert Laufwerk und Federn nach kürzester
Zeit. Ende Mai, also nach nur 8 Wochen, fuhren wir zum
Teil schon mit dem dritten Motor. Die Kräder der
Division sind bereits vollkommen abgewirtschaftet, den
Lastwagen geht es nicht viel besser. Ersatzteile werden
nur ungenügend nachgeschoben. Dass wir trotzdem
rollen, wenn es darauf ankommt, ist auschließlicher
Verdienst unserer Fahrer und Instandsetzungsdienste.
Unermüdlich und fast ununterbrochen arbeiten sie
und leisten Unglaubliches. Aber wer spricht von ihnen,
besonders den letzteren? Wer läßt eine Anerkennung
laut werden? Auszeichnungen bekommt nur der kämpfende
Soldat. Deshalb ist ihre Leistung höher zu bewerten.
Ich muss es noch einmal sagen: Unsere Panzerwaffe ist
noch sehr jung und nicht jeder, der in ihr befiehlt,
ist in ihr groß geworden. Verständnis für
die Bedürfnisse eines Pferdes ist in unserer Armee
noch weit mehr vorhanden als für die Bedürfnisse
eines Kraftfahrzeuges!
Trotz aller Schwierigkeiten und
Widerwärtigkeiten: Der Geist unserer Soldaten ist
unerschütterlich: Jeder neue Einsatz verscheucht
die Lethargie der Wochen des untätigen Herumliegens
und spornt sie wieder zu alter Frische und Tatkraft
an, die sie zur Entfaltung ihrer einzigartigen Leistungen
befähigt.
Quelle: Bernd Hartmann - Die Geschichte
des Panzerregiment 05 |