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Tagebuchauszüge

 
 
Das Leben in der Wüste Teil II

Ein Bericht des Oberleutnant Harald Kuhn,
Kompaniechef im Panzerregiment 05
 
Unsere Ernährung ist eines der traurigsten Kapitel dieser Monate. Brot, ledernes Rindfleisch in Büchsen, von unseren Soldaten treffend als "Alter Mann" bezeichnet, oder Ölsardinen und Trockengemüse, selten als Frischvitamin eine Zitrone; Tag für Tag, Woche für Woche, Monat für Monat dasselbe. Was würden wir geben, um gelegentlich etwas Frischfleisch, Frischgemüse oder Obst zu bekommen, von Eiern ganz zu schweigen! Höchstens dass man einem Araber zu Schandpreisen ein paar Zwiebeln oder eine Melone abhandeln kann. In den Nachschublagern in Bengasi und Tripolis allerdings lagern bessere Sachen, Spenden aus der Heimat in Form von Büchsenobst, -schinken und anderen ungeahnten Genüssen, ja sogar Sekt. Das wird jedoch für bessere Zeiten aufgehoben, nämlich für den späteren Vormarsch der Engländer. Da wurden all diese traumhaften Sachen in die Luft gesprengt.
Hingegen wurde abtransportiert die "zuständige" Verpflegung, also der "Alte Mann", die Ölsardinen und das Trockengemüse. Überschrift: Die Intendantur!

Im Rahmen der Wunschkonzerte des Deutschen Rundfunks wünschte sich ein Afrikasoldat, das Plätschern einer Frau in einer Badewanne zu hören. Ihr lacht? Der Wunsch wurde erfüllt. Für uns ist das Problem Wasser eines der ernstesten, vom Problem Frau ganz zu schweigen. Für Euch ist ein WC eine alltägliche Notwendigkeit uns Selbstverständlichkeit, für uns hier unten eine Fata Morgana. Wir gehen mit der Schippe über die Schulter in die Wüste.

Aber ich will hier vom Trinkwasser sprechen. Das Wasser aus Derna ist berühmt. Aber bis zu uns kommt es nicht. Wir schöpfen aus kleinen, mühsam erbohrten Brunnen, die in stundenweiten Abständen auseinander liegen und nur salziges Brackwasser liefern. Abgefüllt wird es in Einheitskanistern, die innen mit rotem Schutzanstrich vom Rost zerfressen sind und das, was wir in abgekochten Zustand trinken dürfen, ist eine rotbraune, salzige, warme Brühe. Viel Durst bekommt man darauf nicht, das ist das Gute daran.

Nicht zuletzt diese Vergewaltigungen unserer Organismen sind die Ursache eines zeitweise katastrophalen Gesundheitszustandes. Manchmal leiden wir bis zu 60 Prozent gleichzeitig an ruhrartigen Durchfallerkrankungen. Es bleibt niemand davon verschont. Man weiß dabei nicht recht, ob man leben oder sterben möchte. Wenn man über 70 mal am Tag in die Kniebeuge gehen muss, dann weiß man, was man getan hat. Auch Erkältungen mögen häufig die Ursache dieser Durchfälle sein, da sich hier alle Erkältungen auf Darm und Magen schlagen. Die täglichen Abgänge zu Sanitätseinheiten bringen einen Kompaniechef betreffs der Einsatzbereitschaft oft in arge Bedrängnis.

Sicher stehen Euren geistigen Augen im Zusammenhang mit dem Wort Afrika gleich uns - vor unserer Ernüchterung - die Bilder aller möglichen wilden Tiere. Ja, damit können wir aufwarten. Ich nannte sie schon unter jedem Soldaten Rommels bleibenden Erinnerungen: Fliegen! Hunderte, Tausende, ja Billionen und Aberbillionen von Fliegen. Will etwa jemand behaupten, das seien keine wilden Tiere? Kommt her und laßt Euch von ihnen peinigen, dann werdet auch ihr feststellen, dass sie das Wildeste sind, was in Gottes Tierreich lebt, und Ihr werdet Euch selbst nicht wiedererkennen in Eurer eigenen Wildheit durch sie. Oft möchte man verzweifeln und kapitulieren, wenn man 500 totgeschlagen hat und dafür von 1000 neuen umschwärmt wird. Aber der Selbsterhaltungstrieb fordert ihre pausenlose Vernichtung. Deshalb ist hier ein Soldat ohne Fliegenklatsche genauso unddenkbar wie am Nordpol ein Forscher ohne Pelz. Auch die anderen Tierchen hier wie Skorpione, Ratten, Feld- und Springmäuse, Horn- und Sandvipern, ja sogar Vogelspinnen tragen nicht zur Erheiterung der Gemüter bei. Vor dem Schlafengehen heisst es jedesmal gründlich das Zelt abzusuchen, und morgens findet man nicht selten eines dieser Tierchen in seinen Stiefeln. Annehmbar, dafür aber selten sind Wüstenhäschen und Gazellen, damit ist dann aber auch alles genannt.

Ich will diese Kapitel nicht schließen, ohne ein paar Worte über die technische Lage zu sagen.

Mangels ausreichender Erfahrungen waren unsere technischen Vorbereitungen völlig unzureichend. Bald hinter Agedabia, also schon nach wenigen Einsatztagen, begann das große Panzersterben. Staub und Sand verschleißen die Motoren in ungeahntem Ausmaß, das hiesige Gelände ruiniert Laufwerk und Federn nach kürzester Zeit. Ende Mai, also nach nur 8 Wochen, fuhren wir zum Teil schon mit dem dritten Motor. Die Kräder der Division sind bereits vollkommen abgewirtschaftet, den Lastwagen geht es nicht viel besser. Ersatzteile werden nur ungenügend nachgeschoben. Dass wir trotzdem rollen, wenn es darauf ankommt, ist auschließlicher Verdienst unserer Fahrer und Instandsetzungsdienste. Unermüdlich und fast ununterbrochen arbeiten sie und leisten Unglaubliches. Aber wer spricht von ihnen, besonders den letzteren? Wer läßt eine Anerkennung laut werden? Auszeichnungen bekommt nur der kämpfende Soldat. Deshalb ist ihre Leistung höher zu bewerten. Ich muss es noch einmal sagen: Unsere Panzerwaffe ist noch sehr jung und nicht jeder, der in ihr befiehlt, ist in ihr groß geworden. Verständnis für die Bedürfnisse eines Pferdes ist in unserer Armee noch weit mehr vorhanden als für die Bedürfnisse eines Kraftfahrzeuges!

Trotz aller Schwierigkeiten und Widerwärtigkeiten: Der Geist unserer Soldaten ist unerschütterlich: Jeder neue Einsatz verscheucht die Lethargie der Wochen des untätigen Herumliegens und spornt sie wieder zu alter Frische und Tatkraft an, die sie zur Entfaltung ihrer einzigartigen Leistungen befähigt.


Quelle: Bernd Hartmann - Die Geschichte des Panzerregiment 05
 
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